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Foto: Matthias Stutte
Alice Franchini
01.11.2023
Theater

Zwischen Leidenschaft und Disziplin

Tänzerin Alice Franchini im Interview

Redaktion: Jessica Sindermann

„Wenn ich groß bin, möchte ich Ballerina werden.“ – Ein Satz, der mir und sicher auch vielen Eltern bekannt vorkommt, denn es ist der Traum vieler junger Mädchen. Als ich klein war, sechs oder sieben etwa, war das auch meiner. In jedes Freundebuch schrieb ich diese Worte nieder und nahm diszipliniert jede Woche am Ballettunterricht teil. Bis heute. Das Ballett und ich blieben zwar eine Langzeitbeziehung, aber eben nicht auf professioneller Ebene.

Anders ist das bei der 23-jährigen Alice Franchini. Sie hat es geschafft und ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht. Heute lebt sie meinen Kindheitstraum.

„Als ich mit dem Ballett begonnen habe, hätte ich niemals gedacht, einmal eine professionelle Tänzerin zu werden. Ursprünglich sollte das Ballett mir dabei helfen, meine Fußstellung zu korrigieren“, erzählt die Italienerin. Nachdem sie ihre Tanzausbildung an der „Centro di Formazione AIDA“ in Mailand absolviert hatte, sammelte sie ab der Spielzeit 2019/20 im Rahmen des Projektes „Das junge Theater“ ihre ersten Erfahrungen im professionellen Tänzerberuf. Seit Beginn der Spielzeit 2022/23 ist sie ein fester Bestandteil der Ballettcompagnie am Theater Krefeld und Mönchengladbach und erobert in unterschiedlichsten Rollen die Herzen der Zuschauer.

Ich habe die junge Tänzerin zum Interview getroffen und mit ihr über ihren Beruf, die Herausforderungen und das aktuelle Stück „Seide – Band – Bandoneon“ gesprochen!

HINDENBURGER: Wie lange tanzen Sie schon Ballett und wie sind Sie dazu gekommen?

Alice Franchini: Im Alter von drei Jahren habe ich mit dem Ballett angefangen, weil mein Arzt der Meinung war, es würde helfen, meine Fußfehlstellung zu korrigieren. Im Endeffekt war das natürlich nicht Lösung des Problems, aber ich verliebte mich direkt in das Tanzen. Mit 13 wusste ich natürlich noch nicht, dass ich mal eine professionelle Tänzerin werden würde, aber ich wechselte auf eine professionelle Ballettakademie in Mailand. Mit den Jahren realisierte ich, dass ich vielleicht doch eine Chance hatte, meinen Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Von morgens bis nachmittags hatten wir Tanzklassen und abends dann normalen Unterricht. Als ich 19 wurde, schloss ich meine Tanzausbildung ab und kam hier ans Theater Krefeld und Mönchengladbach. Das war anfangs natürlich sehr aufregend für mich! Ich kannte niemanden und eine Sprachbarriere gab es auch. Ich konnte weder Deutsch noch Englisch, da in italienischen Schulen kaum Englisch vermittelt wird. Das bereitete mir weitaus mehr Sorgen als weit weg zu sein von meiner Familie. Das gab mir irgendwie immer eher ein Gefühl von Unabhängigkeit.

HINDENBURGER: Wie sieht ein typischer Tag in Ihrem Leben als Tänzerin aus?

Kommentar aus der Redaktion (JS): Auf ihrem Instagram-Kanal „Foodieinspiration_recipes“ teilt sie ihre gesunden Rezeptvariationen regelmäßig mit ihren Follower*innen und erstellt mit viel Liebe zum Detail passende Videos und Beiträge.

Alice Franchini: Nach dem Aufstehen frühstücke ich meistens Toast mit Erdnussbutter und Marmelade. Dann gehe ich zum Theater, wo ich meistens die Erste bin. Ich mag es, mich vor dem Training lange aufzuwärmen um Verletzungen vorzubeugen und meine Muskeln zu dehnen. Anschließend ziehe ich mich um. Mein Tanzoutfit ist mir sehr wichtig, denn ich möchte mich wohlfühlen und im Training und in den Proben 100 Prozent geben können. Immerhin sehe ich mich den ganzen Tag lang selbst im Spiegel! (lacht) Dann hängt es natürlich vom jeweiligen Stundenplan für den Tag ab. In der Regel haben wir 75 Minuten Training und im Anschluss daran eine Mittagspause, bevor wir mit den Proben starten. Wenn ich nach Hause komme abends, mache ich gerne Pilates oder koche. Ich liebe es zu kochen!* Danach entspanne ich auf meinem Sofa, schaue Netflix oder massiere meine Muskeln ein wenig, damit ich am nächsten Tag wieder fit bin.

HINDENBURGER: Welche Herausforderungen begegnen Ihnen in Ihrem Beruf und wie gehen Sie damit um?

Alice Franchini: Ich muss sagen, die Atmosphäre bei uns am Theater ist wirklich sehr gut! Aber natürlich haben wir auch Meinungsverschiedenheiten. Wir alle haben ganz unterschiedliche, individuelle Persönlichkeiten und dementsprechend auch Einstellungen. Die alle unter einen Hut zu kriegen und gemeinsam eine Lösung zu finden bedeutet manchmal, dass man nachgeben muss. Denn wir sind ein Team! Außerdem bin ich sehr perfektionistisch und mir ist es wichtig, mich selbst zufriedenzustellen. Das ist nicht immer einfach, weil ich mich immer verbessern möchte und dadurch sehr hart zu mir bin. Ich habe hohe Ansprüche an mich selbst und wenn ich merke, dass das Training nicht so für mich läuft, wie ich es mir vorstelle, schlägt das schnell auf meine Stimmung.

HINDENBURGER: Wie wichtig ist körperliche Fitness und Ernährung für Balletttanzende?

Alice Franchini: Das ist witzig, denn diese Frage wird immer gestellt sobald ich erzähle, dass ich eine professionelle Tänzerin bin! Die Leute sind immer sehr fokussiert darauf, was ich esse. Aber ich muss sagen, dass ich mit meiner Figur von Natur aus glücklicherweise keine Probleme habe und daher nie Diät mache. Ich esse kein Fleisch, aber eher aus ethischen Gründen. Es ist sehr wichtig, eine gewisse körperliche Fitness zu haben, aber das bedeutet in meinen Augen nicht, super dünn zu sein. Sondern eher einen starken und trainierten Körper zu haben und durch gezieltes Training zu lernen, seine Muskelgruppen richtig einzusetzen. An vielen professionellen Akademien geht es besonders in jungen Jahren leider oftmals nur darum, wie schlank man ist und wie der Körper aussieht. Das sollte sich meiner Meinung nach ändern. Es ist genauso wichtig, fit und trainiert zu sein, um Verletzungen zu verhindern.

HINDENBURGER: Welche Ballettstücke haben Sie bisher am meisten beeinflusst oder inspiriert?

Alice Franchichi: „Metro 6“ von meinem Kollegen Alessandro Borghesani hat mir sehr gefallen! Als ich nach der harten Coronazeit wieder zurück ins Theater kam und er mir sagte, dass er mich in dieser Rolle sieht, hat mich das sehr gefreut und motiviert! Und auch Mata Hari. Denn in den Szenen, in denen ich tanze, fühle ich mich einfach sehr wohl. Sehr stark und selbstbewusst. Natürlich prägen einen alle Ballette auf eine gewisse Art und Weise, aber ich würde sagen, das sind die beiden Stücke, die mich am meisten beeinflusst haben.

HINDENBURGER: Gibt es einen bestimmten Moment in Ihrer Laufbahn, der Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Alice Franchini: Ich würde auch hier wieder sagen „Metro 6“. Es war irgendwie so „mein Moment“ und ich stand im Mittelpunkt. Es war so schön, dass das Publikum wirklich „mich“ sehen konnte, da die Choreografie einfach perfekt zu mir gepasst hat. Ich habe mich sehr wohl gefühlt auf der Bühne in dieser Rolle. Irgendwie kraftvoll! Und wegen dieses Gefühls sticht dieser Moment einfach etwas mehr heraus als andere.

HINDENBURGER: Erzählen Sie gerne etwas über das aktuelle Stück „Seide - Band - Bandoneon“. Was ist das Besondere an dem Stück?

Alice Franchini:: Ich denke „Seide – Band – Bandoneon“ ist ein sehr spezielles Stück, da es die Geschichte Krefelds zum 650. Stadtjubiläum thematisiert und somit die Entwicklung des Bandoneons in der Seidenweberstadt darstellt. Es ist in sich sehr unterschiedlich und startet zunächst mit einem ruhigen Teil, der in die Geschichte einführt, bevor der zweite Teil das Publikum dann nach Buenos Aires entführt. In eine vollkommen andere, wilde Welt – in der wird Tango getanzt, miteinander gestritten und Diebstahl begangen. Das ist eine spannende Mischung!

HINDENBURGER: Welche Ratschläge würden Sie anderen jungen Menschen geben, die davon träumen, Tänzerin oder Tänzer zu werden?

Alice Franchini: Also erstmal – Ich weiß, dass der Weg nicht immer leicht und manchmal auch steinig ist. Wichtig ist auf jeden Fall, dass du selbst dafür sorgst, körperlich fit zu sein. Das wird an Akademien manchmal vernachlässigt. Ich hatte einige Verletzungen, weil ich nie darauf hingewiesen wurde, wie stark meine Muskeln eigentlich hätten sein müssen. Dafür musst du selbst sorgen. Bleib dran und gib nicht auf. Und sei höflich, aber vertrete trotzdem deine eigene Meinung. Stehe für dich selbst gerade!

HINDENBURGER: Vervollständigen Sie bitte folgenden Satz: Theater bedeutet für mich …

Alice Franchini: … Zuhause. Ich bin dort jeden Tag und es fühlt sich noch immer wie ein Traum an. Es gibt momentan keinen anderen Ort, an dem ich lieber wäre nach dem Aufstehen morgens.

HINDENBURGER: Liebe Frau Franchini, herzlichen Dank für die spannenden Einblicke in Ihr Leben als Tänzerin!

Aktuell ist Alice Franchini in „Seide – Band –Bandoneon“ und „Mata Hari“ zu sehen, ab Dezember dann in dem Weihnachtsballett „Peter und der Wolf.

Mehr dazu unter www.theater-kr-mg.de